„Im Ohr steckt der ganze Mensch“, erkannte vor gut fünfzig Jahren der französische Arzt Dr. Paul Nogier. Indem er bestimmte Stellen am Ohr (z.B. durch Akupunkturnadeln) gereizt werden, können Störungen, Schmerzen und Erkrankungen in den entsprechenden Organen und Körperteilen effektiv behandelt werden.

Die Ohr-Akupunktur ist eine Form der Reflexzonentherapie und hat sich in den letzten Jahrzehnten als effiziente und zugleich nebenwirkungsfreie Behandlungsmethode fest etabliert.

Die Akupunkturbehandlung wird in dieser Praxis – wo es sinnvoll ist – durch weitere therapeutische Methoden ergänzt.

 

Methode und Lehre:

Die Ohrakupunktur ist eine wirkungsvolle Methode, akute und chronische Erkrankungen ohne Nebenwirkungen zu behandeln und stellt damit heute eine der wichtigsten Ergänzungen zur Schulmedizin dar. Ihre Hauptindikation liegt sicherlich in der Schmerzbehandlung, doch lassen sich ebenso eine Vielzahl von Erkrankungen, für die die Schulmedizin bisher noch keine Heilung anbieten kann, wie z.B. die Migräne oder der Heuschnupfen.

Die Wurzeln der Ohrakupunktur reichen zurück bis ins 4. Jahrhundert v. Chr., als Hippokrates durch Aderlass am Ohr die Impotenz zu heilen versuchte. Bekannt ist auch, dass im alten Ägypten mithilfe von Ohrakupunktur Schmerzen gelindert wurden. Durch alle Jahrhunderte hindurch finden sich Hinweise über ähnliche Behandlungen.

Die Ohrakupunktur besaß auch schon bei den Chinesen eine gewisse Popularität, bevor sie in den letzten Jahrhunderten in Vergessenheit geriet. Zurzeit der Tang-Dynastie (618-907) waren etwa 20 vordere und hintere Ohrpunkte bekannt. Über die Handelsstraßen wurde diese Methode wohl nach Persien, Afrika, Indien und den Mittelmeerraum verbreitet.

Es gab jedoch noch keinerlei Hinweis auf ein vollständiges Reflexsystem auf der Ohrmuschel mit Abbildung des gesamten Körpers.

Dem französischen Arzt Paul Nogier ist es zu verdanken, dass die Ohrakupunktur wiederentdeckt wurde und das in einer Art und Weise, die erstaunliche Möglichkeiten für Diagnostik und Therapie bereithält.

Nogier konnte nachweisen, dass alle Organe des Körpers als Reflexzonen am Ohr repräsentiert sind.

Die Geschichte der Wiederentdeckung ist so spannend wie die ganze Therapiemethode: Etwa 1950 entdeckte er bei einigen Patienten Narben an einer bestimmten Stelle am Ohr. Die Patienten berichteten ihm, dass sie wegen Rückenschmerzen an dieser Stelle des Ohres mit einer glühenden Nadel „behandelt“ worden seien, mit dem Ergebnis der Schmerzfreiheit.

Nogiers Unvoreingenommenheit ist es zu verdanken, dass er diesem Phänomen nachging, es an eigenen Patienten mit Erfolg nachvollzog, die Stelle am Ohr als Reflexlokalisation L5/S1 verstand und kurze Zeit später erkannte, dass außer diesem Körperareal auch alle anderen Stellen bzw. Organe des Körpers am Ohr abgebildet sein mussten. Er erkannte außerdem, wie sich diese Stellen nachweisen lassen – sie sind druckempfindlich, wenn an der korrespondierenden Stelle am Körper eine Pathologie besteht. Kurze Zeit später erkannte er auch, dass aktive Ohrpunkte, also solche, die auf eine Pathologie am Körper hinweisen bzw. durch diese am Ohr erzeugt werden, elektrisch verändert sind (erniedrigter Hautwiderstand, erhöhte Leitfähigkeit). Das machte nun eine vom Patienten unabhängige objektive Messung möglich (Punktsuchgerät mit Doppelring-Elektrode). So konnte er nach und nach die heute gültige Ohrkarte ertellen – lag beim Patienten eine Pathologie vor (Entzündung, Schmerz etc.), dann brauchte man nur nach dem zugehörigen elektrisch veränderten Punkt am Ohr zu suchen. Hautarealen konnte man auch einfach einen Schmerzreiz an der entsprechenden Stelle setzen – in diesem Moment bildete sich im zugehörigen Reflexareal am Ohr ein aktiver Akupunkturpunkt ab, nachweisbar durch Druckempfindlichkeit bzw. Ladungsverschiebung (dies ist übrigens heute noch eine sehr gute Methode, am Ohr zu üben bzw. zweifelsfrei einen zu einer bestimmten Körperstruktur gehörenden Punkt nachzuweisen).

In der Ohrakupunktur gibt es grundsätzlich zwei Richtungen – die französische und die chinesische Schule. Sie unterscheiden sich in Bezug auf Angaben zur Punktelokalisation sowie in ihren diagnostischen und therapeutischen Ansätzen.

Der geistige Vater und Pionier der französischen Schule ist Paul Nogier. Zu seinen bekanntesten Schülern zählen u.a. der französische Psychiater Bourdiol und der deutsche Arzt Frank Bahr, der in Deutschland eine eigene Schule begründet und die Ohrakupunktur in wesentlichen Teilen weiterentwickelt hat. Der Ansatz der französischen Schule ist eher pragmatisch und entspricht den pathophysiologischen Erkenntnissen der Schulmedizin. Die Punktlokalisationen haben außerdem eine eindeutige anatomisch orientierte Zuordnung zu Pathologien am Körper, der eindeutige Bezug der Punkte ist außerdem klar nachweisbar durch elektrische Veränderungen (bei bestehenden Pathologien oder auch durch iatrogenen Schmerzreiz am Körper, s.o.)

Diese aktiven Punkte zeigen zum einen die Störung des Organismus klar an, zum anderen sind sie via Nadel/Laser/Druckmassage auch der therapeutische Zugangsweg für sehr viele Erkrankungen. Die Therapie kann auf diese Weise kontrolliert erfolgen, das heißt, dass vor der Therapie eine Diagnostik der aktiven Punkte erfolgen kann bzw. unbedingt sollte, die Aufschluss über die Entstehung und Art der vorliegenden Erkrankung gibt.

(aus dem Buch: Beate Strittmatter, Taschenatlas der Ohrakupunktur nach Nogier/Bahr, Haug Verlag)